Lobhörner

Die Ost-West-Überschreitung der fünf Lobhornzähne inmitten der wunderschönen Jungfrauregion.

Freitag, 24. Juni 2022

Die Besteigung der Zähne bzw. der Lobhörner fand noch vor 1900 statt und ist unter kletternden Alpinisten wegen der grossartigen Aussicht auf die Hochalpen eine beliebte Tour geblieben. Der völlig freistehende Grat erinnert an die so einzigartigen Dolomitenformationen. Schon immer wollte ich einmal dorthin. Aber wann wäre wohl ein geeigneter Zeitpunkt für diese populäre Tour, an welcher man an schönen Tagen in so manchen Kletter- und Abseilstau geraten kann?

Mein Plan war es, mal werktags die Tour zu bestreiten. Doch in dieser Woche liess das Wetter mit den vielen Sommergewittern kein Bergsteigen zu. Erst gegen das Wochenende würde es wieder eine stabile Wetterlage geben. Also wohl doch den Berg mit anderen Kletterern teilen; dafür aber was erleben, statt zu Hause zu bleiben.

Diesen Freitagnachmittag war es noch sehr regnerisch. Die Anfahrt nach Lauterbrunnen dauerte etwa zwei Stunden. Gegen Mittag trafen wir dort ein und parkierten das Auto freundlicherweise beim Hotel Silberhorn, in welchem wir am Folgetag übernachten würden. Dann nahmen wir den Bus nach Isenfluh und anschliessend die nostalgische Seilbahn hoch nach Sulwald.

Im Sulwald Stübli assen wir erst mal ein spätes Mittagessen. Dass es in dem schmucken, sehr urchig und absolut liebevoll eingerichteten Bergstübli was Leckeres zu essen gab, hatten wir bereits im Vorfeld im Internet recherchiert. Wir waren an diesem Nachmittag die einzigen Gäste und genossen ein sensationelles Brotzeitplättli und danach eine Zwetschgentorte mit Kaffee.

Draussen windete es kräftig und regnete es in Strömen. Immer wieder prüften wir den Regenradar in der Absicht, ein "ruhiges" Zeitfenster für den Aufstieg zur Lobhornhütte zu finden. Für den Regen waren wir vorbereitet. Alles war im Rucksack zusätzlich in Plastiksäcke verstaut, die Regenjacke und die Regenhose lagen bereit angezogen zu werden.

Gegen 16:00 Uhr starteten wir schliesslich. In knapp einer Stunde waren wir dann auch schon bei der Hütte und bekamen in dem sehr einfachen, ursprünglichen Nebengebäude zwei Betten im Massenlager zugewiesen. Glücklicherweise war die Hütte nicht komplett besetzt. Ansonsten wird es hier sehr eng und man muss seinen Schlafnachbarn zu mögen lernen.

Bei der Lobhornhütte ist alles sehr ursprünglich; und das meine ich im positiven Sinne. Das Plumpsklo ist ausserhalb der Hütte und auch gewaschen wir entweder im Brunnen oder an einem Waschtrog draussen.

Doch wer auf die Lobhornhütte gelangt, kommt nicht wegen dem Komfort. Sensationelle Aussicht auf Eiger, Mönch, Jungfrau, Silberhorn, Mittaghorn und notabene die Lobhörner, sowie das vorzügliche Essen, welches in der Hüttenküche zubereitet wird, ist die Motivation.

Mit vollen Bäuchen, einem ersten erhaschten Blick auf die Lobhörner und auf die faszinierende Nordwand des Ars, einer perfekten Wettervorhersage für den nächsten Tag und einer gewissen Müdigkeit im Körper, gingen wir dann um 22:00 Uhr, als Nachtruhe angesagt war, in unsere Hüttenschlafsäcke.

Nur die Schnarcher im Zimmer nahmen das mit der Nachtruhe leider nicht so ernst.

Samstag, 25. Juni 2022

Die Ost-West Traversierung der Lobhörner ist ein Klassiker und wird entsprechend viel begannen. Damit wir nicht in "Stau" gerieten, machten wir uns schon früh am Morgen auf. Das Frühstück hatten wir auf 06:30 Uhr bestellt. Normalerweise wird es um 07:30 Uhr serviert, was m. E. viel zu spät ist für eine Berghütte.

Auf jeden Fall hatten wir so genügend Vorsprung vor den Kletterern, welche mit dem ersten Bergbähnli um 07:00 Uhr in Isenfluh starteten. Um von der Hütte zum Einstieg der Lobhörner zu gelangen, gilt es knapp 500 Höhenmeter aufzusteigen. Als wir kurz vor 08:00 Uhr dort ankamen, waren wir dann doch nicht die Ersten. Ein lokales Kletterpärchen machte sich gerade bereit.

Doch die Locals würden uns nicht im Weg stehen. Im Gegenteil. So hatten wir jemand voraus, der uns den Weg wies. Insbesondere bei den zahlreichen Abseilstellen, die wir runter mussten.

Wir liessen der Seilschaft ein wenig Vorsprung, ehe ich selbst in die erste Seillänge einstieg. Gemäss Literatur sollen die ersten zwei Seillängen die "mühsamsten" sein, weil der Fels angeblich ein wenig speckig sei. Doch so tragisch fand ich dies nicht und der Schwierigkeitsgrat lag unter einer V.

Als erster Part, galt es in sechs Seillängen die sogenannte Zipfelmütze zu erklimmen (3c, 4b, 4b, 4c, 4b, 2b). Dahinter wird dann in zweimal in eine Scharte abgeseilt. Vor allem die dritte und die vierte Seillänge sind sehr schön zu klettern und der Weg bis zur Zipfelmütze sehr abwechslungsreich.

Weiter ging es erst kurz über ein Grassband, dann über grosse Felsbrocken hoch zum Klein Lobhorn in der Mitte der Felsformation. Das Topo von Filidor empfiehlt hier den Pfad über das Grasband auf der Westseite. Doch dies ist m. E. nicht der optimale Weg und führt auch nicht über einen Grat auf das Klein Lobhorn.

Anyway, dank unseren lokalen Vorgehern erreichten wir das Klein Lobhorn und seilten erneut ca. 20 Meter hinunter in die Südflanke und trafen dort auf ein grosses Grasband. Ab hier ist Vorsicht geboten, denn Zwischensicherungen lassen sich leider nicht anbringen. Zwar ist das Gelände einfach zu begehen, doch ausrutschen oder stolpern darf man hier nicht.

Die letzten drei Seillängen waren nochmals genussvoll. Kurz vor dem Gipfel wartet dann noch ein schmaler Grat, der entweder am kurzen oder so wie wir das gemacht haben, laufend am langen Seil überquert werden kann. Zacken und Risse für die Anbringung von Selbstsicherungen sind genügend vorhanden.

Schliesslich sassen wir nach 3.5 Stunden auf dem Gipfel des grossen Lobhorns auf 2'566 Meter. Die Aussicht war fantastisch. Würde man die umliegenden Berge noch nicht kennen und erstmals die Schönheit dieser Region erleben, würde man hier oben sicherlich lange verweilen.

Doch wir wollten von dem schmalen Gipfel runter, da wir auf dem Grat bereits die nächsten Seilschaften ausmachen konnten. Wie kleine Ameisen waren sie überall an den Zähnen der Lobhörner unterwegs. Zum Glück waren wir früh genug und konnten ungestört klettern.

Der Abstieg ist nochmals ein kleines Abenteuer für sich. Erst gilt es 15 Meter über eine Platte abzuseilen (kann auch abgeklettert werden), dann folgen 20 Meter Abseilstrecke auf den Grat, welcher anschliessend relativ steil abfallend, heruntergeklettert werden muss. Am besten man macht dies am kurzen Seil.

Am Schluss wartet nochmals eine 25 Meter Abseilstelle, über welche man hinunter bis zum Wanderweg abseilen kann. Daher wird für diese Tour auch im Minimum ein 50 Meter Seil benötigt.

Für die meisten Tourengeher ist hier jedoch noch nicht das Ende. Denn die Felserhebung Chlys Lobhore (2'519m) wartet in gerader Linie vor einem auf seine Besteigung. Diese erfolgt jedoch auf einem gut ausgetrampten Pfad von der Westseite her ohne Seil und Ausrüstung.

Von hier oben kann man die faszinierende Dolomitenformationen nochmals zusammen mit Eiger, Mönch und Jungfrau bestaunen und den Seilschaften bei ihrem Auf- und Abstieg in aller Ruhe zuschauen.

Doch der Durst und Hunger plagte uns. Nachdem wir all unsere Sachen im Rucksack verstaut hatten, stiegen wir hinunter zur Alp Suls und wieder hoch zur Lobhornhütte. Hier hatten wir die für die Tour nicht benötigten Sachen deponiert. Nach einer Stärkung nahmen wir den Abstieg in Angriff.

Wir waren uns uneinig, wie wir nach Lauterbrunnen absteigen sollten. Mein Plan war es, von der Lobhornhütte via Läger zur Grütschalp zu gelangen, um dann mit der Gondelbahn "direkt" ins Hotel Silberhorn zu fahren. Tanja meinte, dies sei ein langer Weg bis dahin.

Schlussendlich hatten wir beide recht. Wir wählten den Weg zur Grütschalp und ja, es war nach der ganzen Tour über die Lobhörner noch ein langer Weg bis zur Gondelbahnstation (7km). Nachdem wir 11 Stunden unterwegs waren, 1000 Höhenmeter auf- und 1'200 Höhenmeter abgestiegen sind, waren wir heilfroh, im gastfreundlichen Hotel Silberhorn das Zimmer zu beziehen.

Da heute unser Hochzeitstag war, hatte ich als Überraschung eine Suite in den oberen Stockwerken gebucht. Ein ziemlich neues und rustikales Zimmer aus Holz, vielen Fenstern mit Sicht auf die umliegenden Berge und Lauterbrunnen, Balkon und einer freistehenden Badewanne mitten im Dachstockzimmer.

Auch beim Abendessen liessen wir es uns gutgehen. Mit Rindsentrecote, Pommes und einer Flasche Rotwein verwöhnten wir unsere Bäuche, ehe wir uns ins Zimmer zurückzogen, wo ein Entspannungsbad auf uns wartete.

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