Mättenberg
Der Mättenberg – dessen Name «Berg in der Mitte» bedeutet – liegt zwischen Wetterhorn und Eiger und ist das Ziel für Menschen mit einer gehörigen Portion Bergverrücktheit und einer Leidenschaft für lange, fordernde Bergtouren.
Samstag, 25.07.2026
«Dr Mättenberg ischt o kei Zwärg» – so betitelt das Alpenmagazin des SAC die «anspruchsvolle Alpinwanderung ab Grindelwald» in seiner Ausgabe 05/2025. Wer den Aufstieg auf diesen über 3'000 Meter hohen Riesen vor Grindelwald bereits unter die Füsse genommen hat, wird dieser Aussage uneingeschränkt zustimmen. Der Mättenberg – der «Berg der Mitte», wie sein Name sinngemäss vermuten lässt – erhebt sich zwischen Eiger und Wetterhorn als markanter Nordwestpfeiler des Schreckhornkamms. Seine Flanken reichen bis zu den Gletscherströmen des Finsteraar- und Lauteraargletschers. Als Aussichtsberg ist er kaum zu übertreffen: Vom Gipfel eröffnet sich ein eindrückliches Panorama auf Wetterhorn, Schreckhorn, die Fiescherhörner, den Eiger und zahlreiche weitere Berner Viertausender.
Dass der Mättenberg nur selten bestiegen wird, überrascht nicht. Wer von Grindelwald aus startet, muss rund 2'100 Höhenmeter bewältigen – eine Herausforderung, die Kondition, Ausdauer und eine gehörige Portion Bergverrücktheit verlangt.
Unser Unternehmen begann um 07:00 Uhr auf dem Parkplatz der Pfingsteggbahn. Da die erste Bergfahrt erst um 08:30 Uhr erfolgt, entschieden wir uns für den Aufstieg zu Fuss. Die rund 400 zusätzlichen Höhenmeter spielten angesichts des bevorstehenden Tourentages ohnehin keine entscheidende Rolle.
Zunächst folgten wir dem bekannten Zustieg zur Schreckhornhütte bis zum Berggasthaus Bäregg auf 1'772 Metern. Dort legten wir eine kurze Pause ein und deponierten alles, was wir für den Gipfelanstieg nicht benötigten. Auf dem Rückweg würden wir hier übernachten.
Bei der Bäregg begann der eigentliche Charakter der Tour. Vor uns lagen rund 1'300 Höhenmeter wegloses Gelände – steile Grasflanken, lose Schotterfelder, Felsstufen und mühsames Blockgelände. Von nun an war jeder Höhenmeter hart erarbeitet und jeder Schritt musste bewusst gesetzt werden.
Erst im Nachhinein wurde mir bewusst, wie aussergewöhnlich direkt dieser Anstieg verläuft. Zwischen dem Berghaus Bäregg und dem Gipfel des Mättenbergs liegen lediglich rund 1,7 Kilometer Luftlinie – dazwischen aber 1'332 Höhenmeter. Das entspricht einer durchschnittlichen Hangneigung von knapp 79 Prozent beziehungsweise 38 Grad. In den steilsten Passagen liegt die Neigung nochmals deutlich darüber.
Über steile Grashänge gewannen wir rasch an Höhe und näherten uns den imposanten Felswänden des Lenge Jan. Auf rund 2'480 Metern querten wir nach links in einen markanten Graben und stiegen auf dessen nördlicher Seite über steile Schrofen und eine erste Felsstufe auf. Oberhalb öffnete sich das Gelände wieder. Nördlich des Bräntlershorns führte die Route in einem weiten Linksbogen über ausgedehnte Geröllfelder stetig bergauf.
Auf rund 3'000 Metern erreichten wir den markanten Felsriegel, der die Schlüsselstelle der Tour bildet. Am einfachsten wird dieser im linken, nördlichen Teil überwunden. Die kurze Kletterpassage im II. Schwierigkeitsgrad verlangt konzentriertes Steigen und sicheres Greifen.
Ein Seil kann an dieser Stelle zusätzliche Sicherheit bieten. Ich würde den Einsatz eines solchen empfehlen. Nicht ohne Grund ist hier ein Stand eingerichtet. Da wir kein Kletterseil dabeihatten, entschärften wir die Passage beim Abstieg mit einer mitgenommenen Prusikschlinge, die wir unterhalb des Standes an einem Felsblock befestigten und dort zurückliessen.
Nach der Schlüsselstelle führte die Route durch gestufte Felsrinnen und blockiges Gelände den letzten Höhenmetern entgegen. Nach 5 Stunden und 45 Minuten standen wir schliesslich auf dem Gipfel des Mättenbergs und genossen die eindrückliche Rundumsicht auf die Berner Alpen.
Der Gipfelerfolg war geschafft, doch die Tour noch lange nicht vorbei. Der Mättenberg schenkt einem den Gipfel nicht einfach. Auch nach dem Gipfelerfolg fordert er seinen Tribut, denn der lange und anspruchsvolle Abstieg verlangt nochmals volle Konzentration und Ausdauer.
Als wir schliesslich Bäregg erreichten, gab es wohl keinen passenderen Abschluss dieses intensiven Bergtages als ein kühles Panaché auf der sonnigen Terrasse des Berggasthauses. Danach brauchte es nicht mehr viel, um glücklich zu sein: ein feines Abendessen, anregende Gespräche mit Gleichgesinnten und schliesslich ein Lagerbett für die wohlverdiente Nachtruhe.
Rückblickend zeigt sich, weshalb der Mättenberg nur selten begangen wird. Die Tour ist mit T6 bewertet und weist Kletterstellen bis zum II. Schwierigkeitsgrad auf. Sie verlangt nicht nur ausgezeichnete Trittsicherheit und Schwindelfreiheit, sondern auch Erfahrung im weglosen alpinen Gelände, eine sichere Routenwahl und die Fähigkeit, die eigenen Grenzen realistisch einzuschätzen.